Wer sich nicht zu verstellen weiß, weiß nicht zu herrschen

Von: Sick

 

Wallberg in Bayern, 1152: Die fünfzehnjährigen Zwillinge Einhard und Gunnar von Arsberg werden auf der Burg Wallberg zu Rittern ausgebildet. Obwohl sie äußerlich gleich aussehen und ständig von allen verwechselt werden, sind sie charakterlich doch sehr unterschiedlich. Einhard, der Zweitgeborene des Ritters Bernhard von Arsberg, ist ein bodenständiger und vernünftiger junger Mann, der besonders beim Reiten glänzt. Gunnar hingegen, der jüngste Spross des Hauses Arsberg, hat ein lockeres Mundwerk und versteht es, Frauenherzen zu erobern. Doch er ist auch ein guter Kämpfer und besonders bei Pfeil und Bogen macht ihm niemand so leicht etwas vor. Das weiß auch der Dienstherr der Zwillinge und er möchte Gunnar mit nach Augsburg nehmen, wo Kaiser Friedrich Barbarossa seine Getreuen um sich schart. Er möchte gegen die Lombarden und zu diesem Zwecke mit seinem Heer nach Italien ziehen. Während Gunnar also dem Kaiser untergeben ist, macht Einhard die Bekanntschaft mit dessen Vetter, Herzog Heinrich von Bayern und Sachsen, auch bekannt als Heinrich der Löwe. Zwar ist er dem Kaiser treu ergeben, doch die anderen Grafen und Herzoge des Deutschen Königreiches beäugen mit Argwohn Heinrichs Machtgewinn. Der Frieden im Deutschen Reich steht auf wackeligen Beinen und auch der Frieden in der Familie von Arsberg beginnt zu bröckeln...

"Der Aufstieg" ist der erste von zwei Teilen der Reihe "Der Löwe des Kaisers". Hier werden Fakten und Fiktion zu einer lebendigen Geschichte verwoben. Man erfährt abwechselnd aus der personalen Sicht von Einhard und Gunnar, was passiert. Zunächst dreht sich alles um das Leben auf Wallberg, man erfährt etwas über den Alltag der Knappen, aber auch über ihre Familien. Als Zweit- und Drittgeborene haben Einhard und Gunnar kein Anrecht auf Arsberg, das nach dem Tod ihres Vaters Bernhard an den älteren Bruder Wolfram fallen wird. Sie wissen also ganz genau, dass sie irgendwann als freie Ritter ohne Land und Lehen als Kriegsritter dienen werden. Während Einhard mit diesem Schicksal seinen Frieden gemacht hat, wird er von Vater und Bruder darauf aufmerksam gemacht, dass Gunnar in dieser Hinsicht möglicherweise eine andere Ansicht hat. Als Leser weiß man nicht genau, ob da etwas dran ist, denn Gunnar beschäftigt sich vornehmlich mit anderen Dingen, meistens mit seinen weiblichen Eroberungen. Er hat durchaus Charme, aber er war mir einfach zu sehr Lebemann. Mir hat der verantwortungsbewusste Einhard mehr zugesagt, wahrscheinlich konnte ich seine Handlungen einfach besser nachvollziehen. Trotzdem habe ich beide Perspektiven gerne gelesen, denn sie waren spannend und informativ. Man lernt viel über das deutsche Mittelalter, allerdings überhaupt nicht trocken oder verwirrend. Die historischen Fakten fließen einfach so in den Text mit ein, in Form von Gesprächen oder Gedanken. Obwohl man eine Menge Leute und somit Namen kennenlernt, bin ich nicht durcheinander gekommen. Ein Personenregister wäre vielleicht trotzdem hilfreich gewesen, auch damit man erfährt, welche Figuren fiktiv und welche real sind. Ein ausführliches Nachwort habe ich ebenfalls vermisst, ich mag es einfach, noch mehr Hintergründe zu einem historischen Roman zu bekommen. Vielleicht folgt dies aber auch im zweiten Teil.
Wie schon angedeutet, liest sich das Buch sehr gut. Die Sprache ist leicht an die Vergangenheit angepasst, sodass es authentisch wirkt, aber nicht zu überladen wirkt. Die Beschreibungen waren eindrücklich, doch nicht zu ausschweifend und ich konnte mir alles sehr gut vorstellen. Auch in die Personen konnte ich mich gut einfühlen. Wie schon gesagt, fiel es mir bei Einhard am leichtesten, aber die Handlungen aller Charaktere waren nachvollziehbar. Besonders interessant waren hierbei die Gespräche mit Friedrich und Heinrich. Ihre Gründe für diese oder jene Entscheidung werden sehr gut dargelegt, sodass man sich als Leser ein bisschen wie in einer Zwickmühle fühlt. Was würde man an ihrer Stelle machen? Ich hatte oft das Gefühl, dass es kein Richtig oder Falsch gibt, sondern alles nicht so das Gelbe vom Ei war. Daher hatte ich teilweise schon etwas Mitleid mit den mächtigen Herrschern, abstoßend fand ich sie jedenfalls nicht. Doch auch solche Figuren gibt es natürlich und sie lassen die Spannung jedes Mal steigen.
Der Schluss rundet erst mal alles ab, inzwischen sind mehr als fünfzehn Jahre ins Land gegangen. Doch der Epilog greift schon mal auf den zweiten und abschließenden Teil vor und man ahnt schon, dass es richtig ungemütlich wird...

Ein dichter, absolut hervorragend lesbarer historischer Roman, der sich mit einem wichtigen Stück deutscher Geschichte befasst. Lebendig und spannend!